Tag 6 - Montag - 24.09.2018
Sunrise: 07:26   Sunset: 19:28

Lehi, UT - Wendover, UT

Um 07:45 Uhr sind wir nach der morgendlichen Routine wieder unterwegs. Es dauert auch eine Weile, bis wir das Stadtgebiet von Lehi hinter uns haben.
Dann sind wir endlich auf einem der von uns so geliebten endlosen Highways mit wenig Verkehr. Es ist Highway 73, welcher nach Ophir führt, einer Ghosttown.

Das letzte Stück schlängelt sich den Berg hoch, die Sonne ist hier noch nicht angekommen, der Ort liegt im Schatten. Zudem stellen wir fest, dass es gar nicht so „ghostig“ ist, es leben noch sehr viele Menschen hier. Man kann eine kleine Mini Ghosttown besichtigen, aber das ist eher etwas für Kinder.
Zum Beweis und zur Dokumentation, dass wir hier waren, gibt es ein paar Bilder. Den Abstecher kann ich nicht unbedingt weiterempfehlen.

Egal, wir haben Zeit und genießen die Fahrt über die leeren Straßen. Nach dem vollen Sonntag ist es eine Wohltat, jetzt mal für einige Stunden keine Menschen zu sehen und zu hören.

Bei der Routenführung des heutigen Tages hatte ich bei der Planung ein paar Probleme. Wir wollten in die Ghosttown Gold Hill, aber einerseits erreicht man diese nur über eine ewig lange Dirtroad oder andererseits über die Interstate mit einem Stück zurück über Dirt.
Was tun. Google hatte mir die Strecke über die Dirtroad zwar angezeigt, aber mein MapsMe wollte diese Strecke partout nicht zeigen.

In Dugway, einem Ort in einer militärischen Einrichtung, müssen wir uns entscheiden, denn von hier aus startet die Schotterpiste, oder wir müssen zurück auf die Interstate.

Als wir in Dugway anhalten, sehen wir ein Rudel Kojoten, wow. Ist das jetzt ein gutes oder schlechtes Zeichen? Gar keins!
Das Schild: Fishlake Wildlife Refuge 67 Meilen ist das richtige Zeichen, denn es macht deutlich, dass die Straße dahin führt, wo wir hinwollen.

Also entscheiden wir uns dazu, die Straße unter die Räder zu nehmen. Ich habe irgendwie ein komisches Gefühl, aber entschieden ist entschieden.

Die Schotterpiste lässt sich ganz gut fahren, sie hat keine tiefe Rillen und ist gut gegradet. Es handelt sich um einen Teil des Pony Express‘, einst die schnellste Postroute durch die USA.

Am Wegesrand deuten ein paar Ruinen und Historical Marker auf die Geschichte hin.

Sonst passiert hier nicht viel, wir begegnen niemandem, keinem Menschen, ein paar Antilopen sehen wir oder schrecken Vögel auf.
Kein Geräusch, außer dem unseres Autos, stört die Stille.

Nach einer schier endlosen Fahrt kommen wir durch das Fishlake Wildlife Refuge. Auch hier ist keiner, noch nicht mal Vögel, für die das Wildlife Refuge eingerichtet wurde. Aber in Europa ist es noch zu warm, als dass die Tiere schon zum Überwintern losgeflogen wären.

Wir passieren das Gebiet und müssen des Öfteren über Cattleguards fahren. Nachdem wir über das letzte drüber sind, ca. 5-6 km hinter den Grenzen des Parks, passiert es.

Mario sagt nur: „Shit“. Ich: „Was ist los“? Jetzt merke ich es – wir sacken in Sekundenschnelle hinten ab, ein Reifen verliert Luft. Aber wie schnell, das muss ein großes Loch sein. Jetzt auch ich: „Shit“.

Wir sind jetzt zum 19. Mal in den USA und sind bei fast jeder Tour über viele Schotterstraßen gefahren, auch über welche in einem ganz schlechten Zustand, mit Felsstufen, spitzen Steinen und anderen Herausforderungen. Nie ist was passiert. Zum Teil hatten wir nur einen PKW oder kleineren SUV. Und jetzt – wir denken, wir haben ein gutes Auto für dieses Vorhaben, dann so was.

Nun gut, kann immer mal passieren. Wir haben ein Ersatzrad. Wir steigen aus, sehen uns den Schaden an und stellen dabei fest, dass alle Reifen in keinem guten Zustand sind. Das hätten wir mal schon in Las Vegas checken sollen.

Jetzt ist es nicht zu ändern, schauen wir mal, wie man so einen Reifen an einem Tahoe wechselt.
Ich muss sagen, dass es sicher 30 Jahre her ist, dass ich mal einen Reifen gewechselt habe und das an einem R4. Mario hat noch nie einen Reifen gewechselt.

Das Wechseln an sich ist nicht das Problem, was sich als echtes Problem erweist, ist das Entriegeln des Werkzeuges in einer der Klappen hinten im Kofferraum und das Öffnen der Klappe für die Kurbel des Ersatzreifens.

Wir studieren die Beschreibung des Autos, ob es einen Trick gibt, aber es hilft nichts, das Werkzeug sitzt so fest, dass Mario extreme Mühe hat, es zu lösen.

Die meiste Zeit bringen wir damit zu herauszufinden, wie sich dieses fucking Werkzeug lösen lässt.

Ab und zu wünscht man sich dann doch andere Menschen herbei.

Ich überlege schon, ob ich zurücklaufe und gucke, ob im Refuge doch jemand anwesend ist, der uns im Notfall helfen könnte. Aber das wäre dumm, es ist sehr warm und sonnig und es waren sicher 5–6 km zurück.

Da hilft jetzt nur Geduld und Fingerspitzengefühl und etwas Kraft.

Ab und zu gucke ich nach oben, es kreisen noch keine Geier über uns. Ein Blick in die Ferne, Kojoten sind auch keine in der Nähe. Essen und Trinken hätten wir auch genug für ein paar Tage, sollte es nicht klappen mit dem Radwechseln und sollte hier, wie schon in den letzten Stunden, keine Menschenseele vorbeikommen.
Aber so weit wird es nicht kommen, noch haben wir ein gutes Gefühl, dass wir das hinbekommen.

Mario ächzt, stöhnt und flucht und bricht sich fast die Finger, aber dann endlich hat er den Wagenheber und die Kurbel aus der Klappe befreit. Erleichterung macht sich breit.

Ich schreibe auf meine virtuelle Liste: Leatherman kaufen, immer dabei haben.

Jetzt sollte alles andere kein Problem mehr darstellen. Sollte.

Wir lassen das Ersatzrad, das in einem besseren Zustand ist als alle vier Räder des Autos zusammen, runter, lösen es vom Seil.
Dann löst Mario die Schrauben ein Stück weit und will den Wagen hochbocken, so der Plan. Aber wo kommt dieser blöde Wagenheber hin?
Laut Beschreibung an einen Punkt, der zwar logisch ist, aber einfach so, ohne sich unter den Wagen zu legen, gar nicht erreichbar ist. Keiner von uns möchte sich unter den Wagen legen.

So, jetzt aber erst mal eine Pause und wir machen mal ein Foto von uns, essen und trinken mal eine Kleinigkeit.

Mit sehr viel Mühe finden wir eine andere Stelle, die stabil erscheint. Wir platzieren also den Heber. Nach zweimal Kurbeln hören wir nur „Knirsch“. Shit, das war wohl die falsche Stelle.

Wieder raus mit dem Teil und eine bessere Stelle gesucht. Mann, die Beschreibung von dem verdammten Auto ist echt scheiße. Nach weiteren 10 Minuten haben wir es endlich geschafft, den Wagenheber zu platzieren, wir hoffen, jetzt an der richtigen, stabilen Stelle.

Jetzt klappt es, der Wagen lässt sich ohne Knirschen oder Knacken so weit anheben, dass wir den Reifen lösen und den Ersatzreifen aufstecken können.

Jetzt nur noch die Schrauben festziehen und hoffen, dass das Ersatzrad genug Luft drin hat. Hat es.

Das Festkurbeln des Reifens unter dem Auto geht dann recht einfach.

Kurz bevor wir damit fertig sind, kommt ein Pick-Up daher. Zwei ältere Männer halten natürlich sofort an und fragen, ob alles ok ist. Wir sagen: „Jetzt ja“ – Reifenpanne etc.

Sie sagen uns, dass es bis Wendover, wo sich auch die nächste Werkstatt befindet, noch ca. 50 Meilen über Dirtroad zu fahren ist. Ja, wissen wir.

Die beiden können uns jetzt eh nicht mehr helfen, sie wünschen uns viel Glück und fahren wieder los und sagen, dass wir vorsichtig sein sollen.

Nachdem der Reifen wieder fest unter dem Auto sitzt, der andere fest am Auto, packen wir alles wieder ein und fahren los. Jetzt können wir auch wieder lachen und sind schon etwas erleichtert.

Da wir eh über Dirtroads fahren müssen, lassen wir es uns nicht nehmen und sehen uns natürlich noch Gold Hill an, das sind ca. 10 km Umweg, das sollte der Reifen durchhalten.

Der Ersatzreifen hat zum Glück genug Luft und Mario hat jetzt die Reifendruck-Anzeige auf der weiteren Fahrt immer im Blick.

Wir durchfahren ein paar kleine Höfe, jetzt kommt uns sogar der UPS entgegen, der schafft sicher nicht mehr als 2 Pakete auszuliefern, wenn er jedes Mal eine Anfahrt von 50 km Schotterstraße hat.

Jetzt sind wir da in Gold Hill. Viel gibt der Ort nicht, aber gut, dass wir 120 km Schotterpiste hierher gefahren sind. So haben wir immerhin mal eine Reifenpanne gehabt, wir nehmen es mit Humor und machen immer wieder Witze über die Situation.

Als wir so Fotos machen im Ort, kommt eine alte Dame mit Hund auf uns zu, sie erzählt uns, dass sie nur noch bewaffnet durch den Ort läuft, weil ein Rudel Kojoten hier ihr Unwesen treibt. Sie würden sogar ihren Hund angreifen und nachts auf ihrer Terrasse lauern. Das ist heftig, wir sind echt froh, dass uns keine Kojoten beim Reifenwechseln begegnet sind. Im Rudel sind die Tiere echt gefährlich.

Ca. 15 km hinter Gold Hill haben wir wieder eine richtige Straße unter den Rädern.
Wir passieren jetzt die Grenze zu Nevada.

In Wendover angekommen, hat die Garage noch geöffnet, im Übrigen die einzige im Ort.
Vor dem Tor steht ein alter Mann, der aussieht wie ein Mexikaner oder zumindest Hispanic. Ich spreche ihn an und frage, ob sie sich unseren Reifen ansehen können. Er versteht kein Wort, macht nur wirre Zeichensprache. Das einzige, was er sagt, ist „Tire, tire. Ich: „Yes, tire damage. Caputto.“ Ich spreche natürlich auch kein Spanisch. Alles was ich n spanisch kann, sind Sätze aus Drogen Serien wie “Narcos” oder “Queen of the South” oder Schimpfwörter.

Ok, bringt so nichts, ich gehe weiter in den Laden rein, und da sitzt noch ein junger Mann, der besseres Englisch spricht. Der kommt sofort raus und sagt „no problemo“.
Er holte noch einen anderen Typen, der ist richtig nett, die beiden nehmen den Reifen mit, prüfen ihn und sagen, dass sie ihn reparieren werden. Sehr gut, da Ganze dauere ca. 10 Minuten.

Nach wirklich ca. 10 Minuten kommt er wieder vor aus den Tiefen der Werkstatt mit dem geflickten Reifen. Wir fragen, wie lange er halten wird, dass wir noch ca. 7000 km damit fahren wollen und auch wieder Schotterpisten. Er sagt nur: „It should“. Wir: „Should?“ Sonst müssten wir in Elko – nach seiner Aussage „pretty big city“ – einen neuen Reifen besorgen.

Ja, so müssen wir vorgehen.

Die beiden Auto-Schrauber befestigen den geflickten Reifen, bringen den Ersatz wieder unterm Auto an und fertig sind wir. Das Ganze kostet 20$ – cash natürlich.

Jetzt sind wir zumindest schon mal froh, dass alles gutgegangen ist und suchen unser Hotelzimmer auf, das Super 8 in Wendover. Das Hotel soll neben den Casinos eines der besseren in der Stadt sein. Von außen ist es nicht so schön. Aber der Besitzer ist nett und das Zimmer sauber und sehr groß. Es sind nicht viele Gäste hier.

Die Sonne ist noch nicht untergegangen, daher fahren wir noch zu den Bonneville Salt Flat, zumindest ein Stückchen.
Dort stellen wir erst mal unsere Stühle auf und bleiben eine Weile sitzen.
Dieser Salzsee ist unglaublich riesig, wir sind ja nur am Anfang, man kann hier stundenlang auf dem See herumfahren. Mal sehen was der Tahoe so kann, wir fahren damit rechte schnell über die Rennpisten. Der Reifen hält.

Dann machen wir noch ein paar Bilder, bis die Sonne weg ist. Es wird sehr abrupt kalt, so dass wir uns auf den Rückweg machen.

In Wendover zurück, drehen wir noch eine Runde durch den Ort, um die leuchtenden Schilder der Casinos abzulichten.

Am Ende des Ortes steht Wendover Will.

Jetzt haben wir aber Hunger und sind müde, zudem ist uns kalt. Im Zimmer machen wir uns ein warmes Nudelgericht und legen uns wieder zeitig hin.

Das war ein sehr ereignisreicher, langer, aber auch spannender und schöner Tag.

Hotel: Super 8 by Wyndham - Wendover, UT
Bewertung: gut +++
Bemerkung: schon älter - aber grosse Zimmer und sauber
Wetter: Sonnig - am Morgen ca. 63°F (17°C) Nachmittags 79°F (26,5°C)
Sights: Pony Express Route, Bonneville Salt Flats
Wanderungen: -
Abendessen: Nudelsuppe im Hotel

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